
Jens Brockmeier (Winnipeg)
Neueren Theorien narrativer Identität ist die Vorstellung gemein, dass sich menschliche Identität in kommunikativen Erzählprozessen ausbildet, durch Praktiken narrativer Verständigung mit anderen oder mit sich selbst. Im Vordergrund steht dabei das eigene Selbst oder Ich und seine dialogisch-diskursive Aushandlung. In einer viel zitierten Definition von Jerome Bruner heißt es etwa, dass sich der autobiografische Prozess in Form einer Erzählung vollzieht, in der das erzählende Selbst und das erzählte Selbst auf die eine oder andere Weise verschmelzen. Ich möchte versuchen, diese Auffassung dahingehend weiterzudenken, dass narrative Identität nicht nur in Erzähldiskursen Gestalt annimmt, in denen das Selbst als Gegenstand, Thema oder intersubjektive Positionierungsstrategie aufscheint, sondern auch in solchen narrativen Diskursen, die nicht vom Selbst, oder zumindest nicht direkt vom Selbst handeln, sondern von der Welt. Die Frage, die ich anhand einiger autobiografischer Textbeispiele verfolgen möchte, ist also, auf welche Weise der autobiografische Blick auf die Welt und die Zeichen der persönlichen Vergangenheit, die er freigibt, zur Konstitution narrativer Identität beiträgt.
Hinderk M. Emrich (Hannover)
Das Ich als Ort der Subjektivität erscheint uns grenzenlos, denn "das ich denke muss alle meine Vorstellungen begleiten können" (Kant). Gleichwohl erscheint das Ich auch als inneres "Konstrukt", als eine Art Identitäts- und Selbstidentifikations-Bereich, dessen Grenzen es im Vortrag auszuloten gilt, wobei gerade auch die Regulation dieser Grenzen, das Verschwimmen, sich Auflösen, zum Problem wird und die Frage der Multiplizität des Ich, der dissoziativen Zustände thematisiert werden wird. Insofern geht es auch um die Frage nach der Einheit der Person als "Grenzbegriff".
Charles Forceville (Amsterdam)
The source-path-goal (S-P-G) schema is one of the most fundamental schemas governing human conceptualizing with regard to sense-making (Johnson 1993, Turner 1996). Literally structuring the concept of the JOURNEY (involving a starting point, trajectory, and destination), by extension it shapes our understanding of what constitutes a purposeful life or, more specifically, a QUEST (initial problems or ambition, action or development, solution or achievement) and of STORY (beginning, middle, end). The schema’s centrality, in turn, derives from being "embodied" (Lakoff & Johnson 1980, 1999; Johnson 1987): it reflects the human body’s prototypical movement - forward, from one place to another, over a trajectory. Lakoff and Johnson consider embodied schemas the most important source for structuring abstract concepts via metaphors. Johnson states that "it is the isomorphism between the obstacle or difficulty (in the journey model) and the agon [struggle, conflict, ChF] (in the story structure) that becomes crucial in the relevance of narrative to moral deliberation, since our moral dilemmas typically arise as conflicts with our experience" (Johnson 1993: 169). The skeletal correspondences can be rendered as follows:
| Source | Path | Goal |
|---|---|---|---|
Journey | Start | Travel | Destination |
Quest | Innocence | Development | Achievement |
Story | Begin | Middle | End |
The pervasiveness of this schema in fiction films can be gauged from the existence of an entire genre depending on it: the road movie (see Cohan & Rae Hark 1997). It also underlies documentaries with a journey-format. Given the structural similarity between JOURNEY, QUEST, and STORY, it is illuminating to discuss the interrelationships of these three concepts in autobiographical journey documentaries, that is, documentaries which represent the literal journey from A to B of a filming "I," while this journey is simultaneously a quest that is closely connected to the I’s identity. The film is the story of this literal and spiritual journey, conveyed by images as well as by the emphatically present voice-over of the I. More specifically, the claims are that (a) the S-P-G schema provides overall coherence to sequences that otherwise might seem to be more or less arbitrary elements in such films; (b) thanks to the shared S-P-G schema, elements that on a literal level belong to one of the three concepts under discussion (JOURNEY, QUEST, STORY), acquire extra layers of meaning because elements from the two other concepts additionally resonate with this literal level; (c) in the last resort, journey and quest levels are inevitably made subservient to the story level. Documentaries that will be referred to will be two or more of the following: Johan van der Keuken’s De Grote Vakantie [The Big Holiday] (The Netherlands 2000) Ross McElwee’s Sherman’s March (USA 1986), Frank Cole’s Life Without Death, and/or Agnes Varda’s Les Glaneurs et la Glaneuse (France, 2000).
References
Cohan, Steven & Ina Rae Hark, eds. (1997). The Road Movie Book. London & New York:
Routledge.
Johnson, Mark (1987). The Body in the Mind. Chicago: University of Chicago Press.
--- (1993). Moral Imagination. Chicago: University of Chicago Press.
Lakoff, George & Mark Johnson (1980). Metaphors We Live By. Chicago: University of Chicago
Press.
--- (1999). Philosophy in the Flesh. New York: Basic books.
Turner, Mark (1996). The Literary Mind. Oxford: Oxford University Press.
Zrinjka Glovacki-Bernardi (Zagreb)
Anredeformen, Grußformeln und Identität in Alltagskommunikation Grundlage des Referats stellen folgende Ausgangspunkte dar:
Die Ausgangspunkte werden erläutert anhand einer Analyse von Kommunikationsparadigmen - Anreden und Grußformeln - im Deutschen und vor allem im Kroatischen, auf diachronischer Ebene - Ende des 19. Jahrhunderts bis heute.
Marijana Kresic (Hannover)
Der interdisziplinär konzipierte Beitrag versucht eine theoretische Begründung der Sprachund Zeichenbasiertheit von Identitätsprozessen. Es wird für die Beibehaltung des von vielen Seiten kritisierten Identitätsbegriffs plädiert, indem in einer Neudefinition, die die Rolle der Sprache fokussiert und Bezug auf sozialpsychologische Identitätskonzepte nimmt, der sprachlich- zeichenbasierte Charakter von Selbstkonstrukten herausgearbeitet wird. Damit knüpft der Beitrag an die Postmoderne-Diskussion in den Geisteswissenschaften an und zielt darauf ab, die Konzepte Sprach- und Sprecheridentität als zentrale Elemente in der Sprachtheorie zu verorten. Insbesondere die Sprachtheorien Coserius und Bühlers werden herangezogen, um zu begründen, weshalb die menschliche Sprache als das Medium der Identitätskonstitution anzusehen ist. Es wird schließlich ein Modell der Sprachidentität vorgeschlagen, das den sprachlich- zeichenhaften Charakter von Identitätskonstruktionen akzentuiert und die vielfältigen Selbstaspekte sowie die mehrsprachigen Kompetenzen des Individuums in den Mittelpunkt
stellt.
Literatur
Bühler, Karl (1982/1934): Sprachtheorie. Die Darstellungsfunktion der Sprache. Mit einem Geleitwort von Friedrich Kainz. Stuttgart/New York: Fischer. - Ungekürzter Neudruck.
Coseriu, Eugenio (1979c): Der Mensch und seine Sprache. In: Ders.: Sprache: Strukturen und Funktionen. XII Aufsätze zur allgemeinen und romanischen Sprachwissenschaft. Tübingen: Narr. - 3. Aufl., S. 91-103.
Kresic, Marijana (2006): Sprache, Sprechen und Identität. Studien zur sprachlich-medialen
Konstruktion des Selbst. München: iudicium.
Henrike Moll (Leipzig)
Das Teilen von Erfahrung und Perspektive bei Kleinkindern Die Frage nach der Identität stellt sich da, wo ‘Gegenstände’ aus unterschiedlichen Perspektiven in den Blick genommen werden. Das Konzept der Perspektive ist in den Geistes- und Sozialwissenschaften von zentraler Bedeutung. Für Mead (1959) bildet die Fähigkeit, sich in die Perspektiven, Rollen und Einstellungen Anderer zu versetzen, die Grundlage jedweder zwischenmenschlicher Interaktion (siehe auch Schütz, 1962). Doch weder Mead noch Schütz haben konkrete Angaben dazu gemacht, wie sich die Fähigkeit zur Perspektivübernahme beim Menschen ausgebildet hat.
Die Theorie von Tomasello et al. (2005) kann so gelesen werden, dass das Verstehen unterschiedlicher Perspektiven phylogenetisch aus der gemeinsamen Teilnahme an kooperativen Handlungen und dem Teilen von Erfahrungen entstanden ist. Ich vertrete die analoge These, dass sich die Fähigkeit zum Perspektivwechsel in der Ontogenese des Menschen ebenfalls durch das Partizipieren an kooperativen Handlungen und Teilen von Erfahrungen entwickelt. In einer Reihe von empirischen Studien hat sich gezeigt, dass 1-jährige Kinder, wenn sie gemeinsam mit einem Erwachsenen auf Gegenstände aufmerken, genau wissen, welche Gegenstände dieser Erwachsene bereits kennt und welche nicht (Moll & Tomasello, im Druck). Allerdings deuten die Ergebnisse einer anderen Versuchsreihe darauf hin, dass Kinder erst mit etwa 2 Jahren verstehen, was ein Anderer aus seiner visuellen Perspektive sehen kann und was nicht (Moll & Tomasello, 2006). Es wirkt kontraintuitiv, dass Kinder begreifen, was jemand durch vergangene Erfahrung kennt (und was nicht), bevor sie verstehen, was jemand aktuell sehen kann (und was nicht).
In meinem Vortrag argumentiere ich, dass das - tatsächliche oder vermeintliche - Teilen von Erfahrungen mit dem Anderen für dieses Befundmuster verantwortlich ist. Wenn es darum geht, mit welchem von mehreren Gegenständen der Andere sich vertraut gemacht hat oder nicht, hilft die geteilte frühere Erfahrung. Im speziellen Fall des visuellen Perspektivwechsels allerdings führt die Kopräsenz des Anderen sowie das Interagieren mit ihm das Kind in die Irre: es meint, sich in einem Raum geteilter Perzeptionen und Erfahrungen mit dem Anderen zu befinden - auch wenn dem Anderen die Sicht auf bestimmte Gegenstände versperrt ist. Abschließend wird die Bedeutung des Teilens von Erfahrungen und der Perspektivübernahme für die Konstruktion einer personalen Identität diskutiert.
Sandro Nannini (Siena)
1. Intentionality naturalized
I shall try to show how Brentano’s intentionality with regard to visual perceptions can be naturalized. First of all a mental state X is naturalised if:
"X" belongs to the language of folk psychology, "Y" to the language of cognitive psychology, "Z" to the language of neurosciences.
2. Perception and sensory-motor coordination
Animals acquired the ability to perceive some features of the external world and of their own body in order to execute movements apt to increase the probability to survive (e.g. by catching preys or avoiding plunderers). Also human sensori-motor coordination is the result of biological evolution. Perceptions can be conscious or unconscious: in both cases they are mental representations of the internal and external world. Human beings construct a representation of the external world in order to move and act in it (Representation and Action Theory, RAT).
3. The computational brain
According to the RAT the human brain acquires by means of the senses a certain amount of information about some regularities of the external world as regards the distribution of matter and physical events in space and time and changes the format of such information step by step until a pattern of motor neurons activity able to trigger a right motor response is produced. Therefore a visual perception is functionally reducible to an intermediate step in the information processing of sensori-motor coordination. Its scientific meta-representation is similar to the activity pattern of hidden units in an artificial neural network and is describable as a vector in a state space. Thus visual perceptions qua vectors in a space state can be biologically implemented by the dynamics of brain processes that are isomorphic with such vectors.
4. Criticisms on the RAT
Three objections to the RAT:
5. Replies to the previous objections
6. Conclusion
Visual perceptions can be naturalized only if the common sense concept of perception is radically changed: perceptions are not copies of real objects passively received from the external world ("Abbildungstheorie") but formats given to sensory inputs in order to construct a stable and multi-purpose model of reality that is able to control the very flexible behavior of human beings.
Velimir Piškorec (Zagreb)
Rekonstruktion narrativer Identität anhand der Sprachbiografien kroatischer Arbeitsmigranten in Deutschland Narrative Identität wird definiert als "die Art und Weise, wie ein Mensch in konkreten Situationen Identitätsarbeit als narrative Darstellung und Herstellung von jeweils situativ relevanten Aspekten seiner Identität leistet" (G. Lucius-Hoene / A. Deppermann: Rekonstruktion narrativer Identität, 22004). In Anlehnung an dieses Konzept wird in unserer Arbeit der Versuch unternommen, aufzuzeigen, wie unsere Interviewpartner - kroatische Arbeitsmigranten in Deutschland sowie Remigranten aus Deutschland - ihre Erfahrungen mit dem Deutschlernen und der deutschen Kultur narrativ gestalten. Obwohl das Deutschlernen von den Interviewpartnern in der Regel als langjähriger traumatischer Prozess dargestellt wird, lässt sich sein narratives Schema mit dem einer Erfolgsgeschichte vergleichen, da zum Zeitpunkt der Interview- Durchführung keiner unserer Interviewpartner seine Deutschkenntnisse in Frage stellt. Wenn unsere Interviewpartner die Deutschen als Nation charakterisieren, lassen sich in ihren Äußerungen nationale Stereotype der Kroaten über die Deutschen erkennen. Im Gegensatz dazu kann beobachtet werden, dass Handlungen und Eigenschaften der Deutschen, die in den Äußerungen unserer Interviewpartner als Einzelne Erwähnung finden, diese Stereotype meistens nicht bestätigen.
Roland Posner (Berlin)
Persönliche Identität als Resultat von Selbstdarstellung "Erkenne dich selbst!" stand über dem Eingang zum Orakel von Delphi, und die Frage nach dem Selbst hat seither die abendländische Philosophie und Semiotik nicht mehr losgelassen. Es wurde rekonstruiert als innere Stimme (Daimon), als Menge von Persönlichkeitsmerkmalen (Charakter), als Merkmale, die einer sich selbst zuschreibt (Eigenbild), als Merkmale, die andere ihm zuschreiben (Fremdbild), als Merkmale, die konventionell einer Institution zugeschrieben werden (Corporate Image). Solche Zuschreibungen werden beeinflusst durch unabsichtlichen Selbstausdruck sowie durch absichtliche Selbstdarstellung und Selbstinszenierung. Dies sind Zeichenprozesse von hoher Komplexität, die mehrere Reflexionsebenen durchlaufen. Die Fähigkeit des Selbstdarstellers, sein Publikum zum Herunterschalten von höheren auf niedrigere Reflexionsebenen zu bewegen, bestimmt seine Überzeugungskraft. An Beispielen von Selbstdarstellungen in Forschung, Wirtschaft, Sport und Politik lässt sich ein Simulationsautomatismus demonstrieren, der dem nahe kommt, was man "Selffulfilling Prophecy" nennt (den Placebo-, Rosenthal- und Pygmalion-Effekt eingeschlossen). In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, wie ein Computer programmiert werden muss, wenn er dem Menschen analoge Fähigkeiten der Selbstdarstellung entwickeln soll. Dies wird auf der Grundlage der Logik des Glaubens und Intendierens gezeigt. Wie sich herausstellt, kann man im Grenzfall durch Selbst-Simulation ein Selbst entwickeln, ohne einen Charakter
zu haben.
Tanja Rinker / Saadet Arda / Manfred Spitzer (Ulm)
Mehrsprachigkeit und Gehirn: Eine Studie mit türkisch-deutschen Kindern Die Sprachkenntnisse türkisch-deutscher Kinder sind in Deutschland zunehmend zu einem in der Öffentlichkeit diskutierten Thema geworden. Häufig wird deren Mehrsprachigkeit als Risiko, nicht als Chance, für die kognitive und sprachliche Entwicklung, aber auch für die Ausbildung einer stabilen Identität gesehen. Ein aktuelles neurowissenschaftliches Projekt erforscht zum einen neurophysiologische Prozesse der zweisprachigen Sprachentwicklung und zum anderen Faktoren im sozialen und sprachlichen Umfeld von Kindern, die mit Türkisch und Deutsch aufwachsen. Daher werden türkisch-deutsche und einsprachig deutsche Vorschulkinder mit und ohne Spezifischer Sprachentwicklungsstörung anhand des Elektroenzephalogramms untersucht und ihr IQ und Sprachstand in beiden Sprachen erfasst. Ein Elternfragebogen soll Aufschluss über sprachliche und psychosoziale Einflüsse auf die spezifischen Bedingungen des türkisch-deutschen Spracherwerbs geben. Erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt werden vorgestellt und diskutiert.
Jürgen Straub (Chemnitz)
Identitätstheoretische Diskurse sind unweigerlich an Reflexionen über "Grenzen" gekoppelt. Das gilt sowohl für kollektive Identitäten und deren Abgrenzung von anderen Gruppen als auch für die personale Identität von Individuen. In der modernen Philosophie, den Sozial- und Kulturwissenschaften (zu denen ich auch die Psychologie zähle) wurde und wird die personale Identität strukturtheoretisch konzeptualisiert. Identitätsstrukturen lassen sich nur durch die Bezugnahme auf "innere Grenzen" beschreiben, die die "Einheit" und "Ganzheit" des individuellen Selbst, das Handlungspotential und die partielle Autonomie einer Person konstituieren. Zentrale Merkmale innerer Identitätsgrenzen sind - folgt man einschlägigen Theorien seit Ende des 19. Jahrhunderts - deren Offenheit, Veränderbarkeit und eine Dynamik, die eng mit der empirisch-psychologischen Vorstellung unvermeidlicher Selbst-Transzendenz verknüpft ist und ebenso mit der auf moderne Subjekte gemünzten, paradoxen Annahme einer unweigerlich "nicht-identischen Identität".
Der Beitrag wird Grundzüge dieser bis heute aktuellen modernen Identitätstheorie skizzieren, um dieses "Modell" mit zwei Alternativen zu vergleichen, die seit jeher die Kontrasthorizonte identitätstheoretischen Denkens bildeten. Dabei wird das Augenmerk nicht zuletzt auf die unterschiedliche Beschaffenheit "innerer Grenzen" gerichtet. Die Vergleichs- und Gegenbegriffe personaler "Identität" lauten "Totalität" und "Fragmentierung". Es wird dargelegt, dass alle diese - logisch voneinander abhängigen, "interdefinierbaren" - Modelle allesamt Bestandteile des modernen Diskurses über das Selbst sind und speziell dem identitätstheoretischen Denken bis heute seine begrifflichen Konturen verleihen. Blickt man auf die gravierenden Differenzen zwischen Totalität, Identität und Fragmentierung, geraten nicht nur unterschiedliche Modi, das eigene Selbst zu "be-grenzen", ans Licht, sondern auch damit verwobene Konsequenzen für die soziale Praxis und zwischenmenschliche Beziehungen. Zu diesen Konsequenzen gehört nicht zuletzt ein je spezifisches Verhältnis zu "innerer" und "äußerer", symbolischer, psychischer und physischer Gewalt.
english version:
Jürgen Straub (Chemnitz)
Identity discourses necessarily are interwoven with reflections on "borders". This is true for theories of personal identity, too. Actually, in social sciences (including psychology), cultural studies, and philosophy, modern concepts of personal identity are structural theoretical models which imply a specific idea of "inner borders". These inner borders constitute the "unity" and "wholeness", the action potential and "autonomy" of a person (and his/her distinctiveness of others). Central characteristics of inner identity-borders as described in modern theories (from late 19th century up to nowadays) are their openness, changeability and a certain kind of dynamics, which is linked to the psychological reality of self-transcendence and the paradoxical idea of a person’s non-identical identity.
The paper will sketch out the outlines of modern identity theory in order to compare this model with two contrasting alternatives (focussing the different concepts of "inner borders"). The concept of personal identity has two "counterparts", namely "totality" and "fragmentation". It is argued that all three models belong to the modern identity discourse. Semantically, they are - as conceptual distinctions - highly interdependent ("interdefinable"). Explicating the differences between totality, identity, and fragmentation, it will also be shown that different modes of "bordering the self" have specific implications and consequences concerning social practice and relationships. One important criterion in this context is the "degree" of involved (symbolical, psychic, sometimes physical) violence.
Eva-Maria Thüne (Bologna)
Bei meiner Untersuchung geht es um die qualitative Analyse von zwei kleinen Korpora gesprochner Sprache: zum einen um Erzählungen von zweisprachigen Erwachsenen (Deutsch- Italienisch) in Italien (vgl. Thüne 2001, 2002), zum anderen um narrative Interviews von zweisprachigen Erwachsen (Italienisch-Deutsch) in Deutschland (Sansone 2006). Narrative Teile dieser Texte werden mit Hilfe gesprächsanalytischer Ansätze untersucht. Der Ausgangspunkt dabei ist das Konzept des "vielstimmigen Sprechers" (der Begriff geht auf Bachtin zurück), bei dem sowohl verschiedene Facetten des eigenen Selbst wie andere Sprecherquellen zusammenkommen.
Verschiedene Theorien fließen hier ein:
Um verschiedene Stimmen wieder zu geben, stellt die RW ein differenziertes sprachliches Instrumentarium zur Verfügung (sowohl auf morphosyntaktischer, als auch auf lexikalischer und prosodischer Ebene), das verschiedene pragmatische Funktionen umsetzen kann. Es soll hier in erster Linie nicht um die RW von Stimmen anderer Personen gehen, die in der Rede der Erzählenden wiedergegeben werden, sondern um RW als Instrument der Selbstmodellierung, d.h. vor allem als Stimmgebung verschiedener innerer Aspekte des Selbst. Besonders deutlich wird das beim stimmlichen ‘replaying’ von Einzelepisoden, die dann oft im Gespräch noch aus unterschiedlichen kulturellen Perspektiven von derselben erzählenden Person kommentiert werden.
RW erweist sich in den narrativen Texten als ein höchst flexibles Zeichensystem im Kommunikationsprozess und zur Selbstkonstruktion.
Sarah Tietz / Markus Wild (Berlin)
Können Tiere "ich" sagen? Philosophische Überlegungen zum Verhältnis von Selbstbewusstsein und Sprache im Rahmen der Tierkognition Wir gehen davon aus, dass personale Identität Selbstbewusstsein voraussetzt. Aus diesem Grund wäre die These einer "Zeichenbasiertheit" personaler Identität abhängig von der "Zeichenbasiertheit" des Selbstbewusstseins.
Seit dem berühmten Spiegeltest von Gordon Gallup wird behauptet, dass manche Tiere über eine Art Selbstbewusstsein (self-recognition) verfügen. Selten wird in diesen Zusammenhängen jedoch explizit die Frage gestellt, was in diesen Fällen mit "selbst" gemeint ist. Eine Versuchsanordnung allein beantwortet diese Frage nämlich nicht.
In der analytischen Philosophie wird davon ausgegangen, dass Selbstbewusstsein an den Gebrauch des Personalpronomens "ich" gebunden ist. Hierbei wird "ich" als singulärer Terminus verstanden. Unter dieser Voraussetzung wäre Selbstbewusstsein zeichenbasiert und selbstbewusste Subjekte auf den Gebrauch von Zeichen, genauer von Sprache angewiesen, das heißt, dass Selbstbewusstsein ohne Zeichengebrauch nicht möglich wäre.
Gegen diese Position können zwei Einwände vorgebracht werden: Zum einen stellt sich die Frage, inwiefern "ich" tatsächlich als singulärer Terminus verstanden werden kann; und zum anderen ist nicht klar, ob der Gebrauch von "ich" nicht seinerseits Selbstbewusstsein voraussetzt. Ausgehend vom zweiten Einwand hat José Luis Bermúdez in The Paradox of Self- Consciousness (1998) ein Konzept nicht-begrifflicher Selbsterfahrung (self-awareness) entwickelt, das dem Zirkelvorwurf dadurch entgeht, dass zeichenbasiertes Selbstbewusstsein jene nicht-begriffliche Selbsterfahrung voraussetzt. Diese Art von Selbsterfahrungen zeigt sich laut Bermúdez in Sinneserfahrungen, körperlichen Eigenwahrnehmungen und dergleichen. Sie würde es erlauben, auch nicht-sprachfähigen Lebewesen eine Form von Selbstbewusstsein zuschreiben zu können.
Wir wollen untersuchen, ob Bermúdez' Vorschlag tatsächlich dem Zirkelvorwurf entgeht und ob sein Vorschlag ein einheitliches Konzept von Selbstbewusstsein darstellt.
Matthias Vogel (Basel)
Das Selbstbewusstsein der Schweizer und Schweizerinnen ist in einem starken Maß von Bildern geprägt. Die kulturelle Identität in diesem Land generiert sich vor allem im visuellen Bereich. Sprache, Religion, aber auch Geschichte sind keine einenden Faktoren. Trotz der zunehmenden Entwicklung von Parallelgesellschaften bleibt jedoch das Ideal der Einheit bestehen. Es ist, wie schon andernorts festgestellt wurde, der Wille, dem Bild von "sich selbst" als Gemeinschaft, dem eigenen Bildentwurf einer Gemeinschaft, zu entsprechen, der in der Schweiz Kohärenz und Einheit stiftet.
Die alltäglichen Erfahrungen divergieren jedoch selbst innerhalb der einzelnen Sprachgruppen und Religionsgemeinschaften immer mehr. Bilder dienen als Ersatz für situative Erfahrungen, welche übersituativ verarbeitet und generalisiert, Identität konstituieren könnten. Identitätsstiftende Bilder bauen eine Differenz zur gegenwärtigen Erfahrungswelt auf, indem sie oft rückwärtsgewandt sind. Viele "Familiennarrative" in der Schweiz sind aber noch so stark mit der beschworenen Ursprungswelt verbunden, dass sie nicht als das Fremde ausgeschlossen wird. Soll die nationale Identität als Teil der personalen Identität akzeptiert werden, ist sie dennoch auf ständige Neuschöpfung und Interpretation angewiesen. Das Bild der Bauern, besonders das der Bergbauern, und ihres harten Lebens, dient spätestens seit der industriellen Revolution und ihren dadurch bedingten gesellschaftlichen Verschiebungen als Identifikationsmuster. Hier scheint ein Wurzelgrund für eine gemeinsame Identität gefunden. Die fotografischen und filmischen Bilder, von Schweizern für Schweizer gemacht, dienen als Kontrollinstanz. Ihre scheinbare Unbestechlichkeit als Dokumente erübrigt eine eigentliche Außenperspektive. Sie allein sollen das Selbstkonzept und Selbstwertgefühl aufbauen und dynamisieren helfen. Auch jüngster Zeit beschäftigen sich zahlreiche Fotografen und Filmer in der Schweiz (Peter Ammon, Erich Langjahr, Melk Imboden ...) mit den Gesichtern und dem Leben der "Bergler". Der Erfolg dieser Projekte in der Schweiz deutet darauf hin, dass sie einem Bedürfnis, möglicherweise dem Bedürfnis nach Bestätigung der eigenen Unverwechselbarkeit entsprechen. Vordergründig dokumentieren sie eine sterbende Welt, hintergründig dienen sie aber zur Selbstkonstruktion.
Der Vortrag wird Kontinuität und Brüche in der Repräsentation der Bergbauern in der Schweiz darlegen sowie aufzuzeigen, wie die Narrative, im Antlitz der Figuren und in ihrer Disposition festgeschrieben, divergieren. Die These lautet, dass Identität, die sich über visuelle Zeichen aufbaut und entwickelt, weniger flexibel und dynamisch ist als eine Selbstkonstruktion, die auf sprachlichen Zeichen basiert.
Kai Vogeley (Köln)
Selbstbezügliche und sozial kognitive Prozesse sind Schlüsselthemen der kognitiven Neurowissenschaft geworden und haben mittlerweile ein eigenes Forschungsfeld begründet, die soziale Neurowissenschaft (social neuroscience). Selbstbewusstsein kann dabei als die Fähigkeit verstanden werden, sich selbst adäquat mentale Zustände wie Wahrnehmungen, Gedanken, Urteile, Gefühle zuzuschreiben. Soziale Kognition beschäftigt sich dabei mit all solchen kognitiven Prozessen, die das Verständnis des Erlebens oder Verhaltens von sich selbst oder anderen zum Zweck der Kommunikation und Interaktion betreffen. Neurowissenschaftliche Studien mittels funktioneller Bildgebung zeigen konsistent, dass insbesondere die anterior medial präfrontal und temporoparietal gelegenen Hirnregionen maßgeblich an diesen Prozessen beteiligt sind. Interessanterweise sind diese Regionen auch unter Ruhebedingungen, also ohne gezielte, experimentell gestaltete kognitive Anforderungen aktiv. Diese relative Aktivitätsverteilung unter Ruhebedingungen ist auch als Hirnruhezustand (default mode of the brain) bezeichnet worden. Diese Überlappung von Aktivierung bei selbstbezüglichen und sozial kognitiven Prozessen einerseits und beim Hirnruhezustand andererseits lässt die neurobiologisch gestützte Spekulation zu, dass wir für die erstgenannten Leistungen eine natürliche Disposition haben. Im Hinblick auf psychiatrische Erkrankungen ist hiermit eine konzeptionelle Neufassung und neurobiologische Untersuchung von Erstrangsymptomen der Schizophrenie (Ich-Störungen, Halluzinationen, Wahn), aber auch anderer sozial kognitiver Störungen wie Autismus möglich.